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Comeback der Pop-Sängerin: Kopf hoch, Kesha!

Steffen Rüth 04. August 2017 10:22

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    Nach der Krise kommt das Comeback. Am 11. August veröffentlicht Kesha ihr neues, sehr energiegeladenes Album "Rainbow".

Sie zählte zu den marktführenden Popmädchen, dann kam die große Krise. Doch Kesha (30) hat sich wieder einigermaßen aufgerappelt und veröffentlicht nach fünf Jahren Pause am 11. August das neue Album „Rainbow“.

Der Auftritt von Kesha Sebert ist an Dramatik nur schwer zu übertreffen. „Ich habe eine lange, lange kreative Reise hinter mir“, sagt die Sängerin stockend vor Medien- und Plattenfirmenmenschen an einem Juli-Abend in einem kleinen Club mitten in London. „Ich war mir nicht sicher, ob ich überhaupt jemals wieder Musik machen würde. Ich musste mich erst wieder daran erinnern, ein Mensch zu sein.“ Bereits jetzt fließen die ersten Tränen, es werden weitere folgen in dieser knappen Stunde, in der Kesha ihr drittes Album „Rainbow“ vorstellt. „Ich habe die stärkste, schönste und liebevollste Platte meiner Karriere gemacht“, nimmt sie den Faden wieder auf. „Der beschissene Sturm ist vorbei. Dies ist der Beginn der guten Phase.“

Kleine Rückblende zum besseren Verständnis: Kesha, als Tochter der Countrysong-Autorin Pebe Sebert in Nashville aufgewachsen, zieht es früh zum Pop. 2005, da ist sie 18, landet sie auf dem Label des Starproduzenten Lukasz „Dr. Luke“ Gottwald (Katy Perry, Britney Spears, Rihanna), der Vertrag geht über sechs Alben. 2010 erobert Kesha mit ihrer fröhlich-frechen, etwas pubertären Party-Electropop-Single „Tik Tok“ die Welt, weitere Tophits („Die Young“, „Timber“) sowie zwei erfolgreiche Alben schließen sich an.

Dann der Bruch. Anfang 2014 begibt sich Kesha für zwei Monate in eine psychiatrische Einrichtung, um eine Bulimie-Erkrankung behandeln zu lassen, im Sommer verklagt sie Dr. Luke unter anderem auf „sexuellen und emotionalen Missbrauch“. Sie will per Klage auch ihren Vertrag beenden, zudem soll der Produzent wegen abfälliger Bemerkungen schuld an ihrer Essstörung sein. Gottwald antwortet mit einer Verleumdungsklage.
Inzwischen sind die wesentlichen Anklagepunkte entweder vom Gericht zurückgewiesen oder von Kesha zurückgezogen worden, der Kompromiss in groben Zügen: Kesha muss ihren Vertrag mit Gottwalds „Kemosabe Records“ erfüllen, aber Sony, zu dem Kemosabe gehört, enthob Dr. Luke 2017 seines Chefpostens. Nun arbeitet sie also noch für seine Firma, aber nicht mehr direkt für ihren vorgeblichen Peiniger.

Gewinner? Gibt's keine!

Gewinner? Gibt es in dieser bitteren, selbst für Musikindustrieverhältnisse abgründigen und diffusen Geschichte keine.
Doch während Lukasz Gottwald vorerst wie vom Erdboden verschluckt ist, versucht Kesha jetzt den Neustart. Sie ist fraulicher geworden, die harten Jahre sieht man ihr im Gesicht an, und wie sie so allein da vorne voller Stolz und Nervosität ihre neue Musik vorstellt, möchte man sie in den Arm nehmen.

Als Erstes spielt sie „Praying“, eine heftig persönliche Ballade („I am proud of who I am / No more monsters / I can breathe again“), mit der sie zwischen den Zeilen (kein Wort zum Prozess, weder auf dem Album noch an diesem Abend), plakativ Position bezieht. Auch „Rainbow“, eine schöne orchestrierte Country-Ballade, an der die Mama mitgeschrieben hat, spielt auf Keshas Qualen an. „Ich war depressiv“, sagt sie, „lag total am Boden. Songs zu schreiben, war das Einzige, das mir helfen konnte. Ich habe jahrelang von dem Moment geträumt, an dem ich hier vorne stehen würde.“

"Rainbow" ist keine Therapiesitzung

Doch zum Glück ist „Rainbow“ keine reine Therapiesitzung. Auf „Bastards“, einem Countrysong mit Anti-Mobbing-Botschaft und immens hohem Schmutzwörteranteil, der zum Ende hin an „Hey Jude“ von den Beatles erinnert, zeigt Kesha den Stinkefinger schon recht frohgemut. „Hymn“, eine Huldigung aller ewiger Außenseiter („Who we are is no mistake /  This is just the way that we are made“), klingt ein wenig nach Lorde, das mittelschnelle „Learn to let go“ könnte auch von Pink stammen. Am hervorstechendsten jedoch ist ganz klar das nach 70’s-Soul klingende „Woman“. Der Song, auch die neue Single, macht nach all dem traurigen Kopf-Hoch-Trotz, der „Rainbow“ prägt, wieder tolle Laune. Der ganze Song ist berstend voller Funk und Energie, Titelzeile „I am a motherfucking woman“. „Ich sang die Nummer lauthals an der Tankstelle, damit ich die Melodie nicht vergesse“, so Kesha, nun endlich lachend, „die Leute müssen gedacht haben, ich hätte einen Schuss.“

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