Stimberg Zeitung Medienhaus Bauer

Jan-Henrik in Thailand: „Hier bin ich der Exot“

Jan-Henrik Seifert 28. Juni 2018 11:50

  • Teaserbild

    Von wegen einfach: Beim Angeln kann Jan-Henrik nicht punkten.

Jan-Henrik hat den Unterricht am College in Buriram abgeschlossen. Bevor es in den Urlaub geht, schaut er noch im Heimatdorf seiner Freundin Kwan vorbei.

Das ist eine harte letzte Woche hier am Technical College in Buriram. Ständig habe ich das Gefühl, unbedingt noch mehr Input in den Unterricht geben zu müssen. Ich habe einfach Sorge, dass ich mit meinem Lehrplan am Ende keine Punktlandung hinlege – und da schleicht sich dann unweigerlich das Gefühl der persönlichen Unzufriedenheit ein. Den anderen Freiwilligen geht es ähnlich und so ziehen wir alle das Tempo ein wenig an und sind zum Leidwesen unserer SchülerInnen „typisch deutsch“. Die SchülerInnen machen mit und so sind wir tatsächlich am Ende „durch“ und dies irgendwie dann doch mit Leichtigkeit und viel guter Laune.

Kwan und ich packen nach dem Unterricht schon den ersten Teil unserer Sachen, bevor wir mit einigen SchülerInnen, den anderen Freiwilligen, unserer Mentorin, Frau Naree, und ihrer Familie in einem nahe gelegenen Restaurant das letzte Mal gemeinsam essen. Im Gegensatz zu meinem Aufenthalt in Laos ist hier leider nicht eine so große Bindung zu den SchülerInnen entstanden. Na ja, wie auch? Diese Schule ist riesig und der Aufenthalt war im Vergleich zu einem Jahr Laos eher kurz. Dennoch, wir haben einen schönen letzten Abend und können tatsächlich auch mit einigen gemeinsam erlebten Anekdoten ins Erzählen und Lachen kommen, bevor wir dann ein letztes Mal gemeinsam in Richtung Technical College aufbrechen. Die SchülerInnen gibbeln und quatschen den ganzen Weg über … ich bin irgendwie gedankenverloren.

Sterne, so klar, dass sie unecht wirken

Ich schaue mir noch einmal alles an. Jedes Detail – die staubige Straße, diesen Himmel in HD-Auflösung – Sterne so klar und hell, dass es schon beinahe unecht wirkt.

Kwan stupst mich in die Seite: „Wo bist du denn gerade?“ Ich muss lächeln – ertappt. Am nächsten Morgen ist Tempo angesagt, denn Kwans Familie holt uns gleich ab, damit wir noch einige Tage in ihrem Dorf verbringen, bevor wir dann eine Woche auf der Insel Koh Chang Urlaub machen werden. Danach geht es dann endlich und abschließend nach Laos. Wir rennen in unserem Zimmer hin und her – nach System sieht dies sicher nicht aus. „Hat es gehupt?“ – Kwan schaut aus dem Fenster, tatsächlich, das „Familien-Taxi“ ist da. Eine kleine Staubwolke – Kwan ist weg. „Na super,“ denke ich. Gehe noch einmal durch das Zimmer, blicke unter das Bett und unter die Decken. Schließlich greife ich mir die schweren Rucksäcke, die Getränketüte und mein Handy. Ich trete Kwans Opa und Cousin klitschnassgeschwitzt gegenüber. Sie grinsen – Packesel mit hochrotem Kopf – und nehmen mir wortlos das Gepäck ab, bevor sie es geräuschvoll auf die Ladefläche wuchten. Der Abschied ist kurz und schmerzlos, wirkt beinahe überstürzt, weil wir noch einen langen Weg vor uns haben und Opa wie Cousin zur Eile mahnen. Die Fahrt ist erwartungsgemäß holprig und beschwerlich. Mein Po schmerzt, es ist heiß und ich muss häufig vom Staub husten. Dann endlich – die letzte Kurve und da liegt das Dorf Lahan Saie. Idyllisch – an einem großen See und von Bäumen und Sträuchern in satten Grüntönen umgeben.

Später erfahre ich, dass dieser See von Kwans Opa in jungen Jahren angelegt worden ist. Die Hütten sind ursprünglich und einfach. Plötzlich ein Hupkonzert und starkes Bremsen, Hühner flattern umher – sie flüchten vor so viel Lärm. Wir sind da! Ruck zuck sind wir von einer Menschentraube umgeben. Jeder und Jede scheint hier Kwan zu kennen. Für mich ist nicht erkennbar, wer zur Familie gehört und wer hier „nur“ Dorfbewohner ist. Kwan piepst ihr freudiges Thai, umarmt, wird umarmt, küsst und wird geküsst. Ich schaue mir das Schauspiel lächelnd und etwas abseits an. Ich merke, ich werde „beäugt“. Komisches Gefühl, aber hier bin ich der Exot, der Fremde. Kwan stellt mich als ihren Freund vor und als ich dann tatsächlich anfange Thai zu sprechen, schaue ich in sehr überraschte und mir zulächelnde Gesichter. Später erfahre ich, dass sich immer mal wieder Falangs/ Langnasen/ Backbagger in das Dorf verirrten – Thai hat bislang aber niemand gesprochen.

Im Dorf ist man Selbstversorger

Ich blicke in die offenen Hütten. Es gibt kein Moskitonetz oder Betten, nur einfache dünne Matten auf hartem Holzboden – ich reibe mir bei dem Anblick instinktiv meinen Rücken. Kwan grinst – sie kann meine Gedanken erraten und erklärt: „Nachher gibt es ein schönes weiches Bett, keine Sorge – wir sind in dem Haus meiner Mutter untergebracht.“ Dabei blinzelt sie mir zu. Sie hat nicht zu viel versprochen. Hier im Dorf ist man Selbstversorger – alles ist von der Familie angebaut. Gemüse und Früchte. Vieles davon ist mir nicht bekannt.
Ich bin sehr beeindruckt, diese Menschen können in jedem Falle überleben – ohne Supermarkt. Wir packen aus, richten unser Schlaflager und dann bekomme ich eine Angel in die Hand gedrückt. Hier fangen die Männer das Abendessen und so ist es selbstverständlich, dass ich zum See geschickt werde.

Ich schaue etwas verdutzt, denn ich hatte noch nie eine Angel in der Hand. „Kann ja nicht so schwer sein – selbst mein jüngerer Bruder angelt zu Hause, was das Zeug hält. Ich kürze es ab: ich habe nichts, absolut nichts gefangen. Kwan dachte sich schon so etwas und hat auf dem Marktplatz während meiner Abwesenheit Fisch gekauft. Abends sitzen wir alle auf dem Boden und essen gemeinsam.

Ding, der zweijährige Sohn von Kwans Cousine, sitzt nur bei mir und verfolgt mich auch den Rest der Woche. Es ist schön hier – kein TV – kein Internet – und wir brauchen es auch nicht. Die Woche verfliegt und ich lerne viel von diesen Menschen, allerdings fange ich keine Fische. Sie stellen keine Ansprüche, sie sind gastfreundlich, sie teilen, ohne etwas zu erwarten – Ich bin beeindruckt. Schließlich packen wir schon wieder unsere Rucksäcke. Opa und Cousin schmeißen erneut unser Hab und Gut auf die Ladefläche – und wieder geht ein Stoßgebet in Richtung Himmel, dass alles heil bleibt.

So, jetzt auf zum Busbahnhof – jetzt fahren wir ans Meer. Vorletzte Station ist die Insel Koh Chang, bevor es wieder nach Deutschland geht. Die Verabschiedung ist laut und quirlig, bis wir schließlich wieder auf der Ladefläche sitzen – wir winken kräftig. „Kho Chang – wir kommen.“

Teilen