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Leonie in Neuseeland: Schwerelos und unbeschwert

Leonie Schulz 21. Februar 2019 09:05

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    „Ich versuche, ein halbwegs attraktives Lächeln in Richtung GoPro hinzukriegen“, sagt Leonie augenzwinkernd über den Moment, als ihr Tandemsprung-Partner auf den Auslöser drückt.

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    Kurz vor dem Absprung plagen die 19-jährige Leonie Zweifel, aber der Blick auf Taupo lässt jede Sorge vergessen.

Teil 5 Frei sein. Ein Gefühl, das wir alle anstreben, und ein Bedürfnis, was tief in uns allen verankert ist. Und nichtsdestotrotz fällt es uns so schwer, einfach mal loszulassen. Wenn ich mir Freiheit bildlich in meinem Kopf vorstelle, dann sehe ich einen fliegenden Vogel. Einen Vogel, der unbeschwert durch die Lüfte gleitet. Wie wahrscheinlich jedes Kind habe auch ich schon immer den Traum vom Fliegen gehabt. Einmal hoch in den Lüften sein, sich schwerelos fühlen und die Welt von oben sehen. Und genau diesen Traum habe ich mir erfüllt. Für einen Moment lang war ich genau dieser Vogel.

Als ich meiner Mutter von der Idee erzählt habe, einen Fallschirmsprung zu machen, bin ich auf wenig Begeisterung gestoßen. Ich kann es ihr nicht übel nehmen, denn auch mir war bei dem Gedanken, einfach so mit einem wildfremden Menschen, der auf bizarre Art und Weise an mich geschnallt ist, aus einem Flugzeug zu springen, zunächst etwas mulmig zumute. Aber wenn nicht hier in Neuseeland und wenn nicht jetzt, wo ich sowieso tagtäglich von neuen Abenteuern umgeben bin, wann und wo dann?

Gebucht habe ich das ganze Monate im Voraus, sodass ich, als es dann endlich so weit ist, schon beinahe vergessen hatte, auf was ich mich da eigentlich einlasse. Als ich und drei weitere Mädels, die mich bei diesem Ereignis begleiten, an unserem Zielort, einem großen, gelben Gebäude, ankommen, fangen meine Knie allerdings an zu zittern. Schon die Nächte zuvor hatte ich ein mulmiges Gefühl im Bauch, in genau diesem Moment verhundertfacht es sich jedoch. Wahrscheinlich bin ich kreidebleich.

Wie hoch ist eigentlich die Fehlerquote?

Eine Mitarbeiterin erklärt uns den Ablauf des Sprunges, ihre Worte ziehen jedoch an mir vorbei wie eine Eisenbahn. Mein Kopf kann sich nicht auf das, was sie uns erzählt, konzentrieren. Fragen wie „Was, wenn ich im Flugzeug doch einen Rückzieher mache?“ oder „Wie hoch ist eigentlich die Fehlerquote bei Fallschirmen und deren Öffnungskapazität?“ schwirren mir durch den Kopf. Den dreiseitigen Vertrag, in dem wahrscheinlich all die Risiken und Gefahren drinstehen, lese ich mir erst gar nicht durch, sondern platziere einfach meine Unterschrift auf die dafür vorgegebene Stelle.

Von der Rezeption geht es für uns dann weiter in den Wartebereich, in dem wir mit Kleidung, Brillen und allen weiteren wichtigen Informationen ausgestattet werden. An mir haften nun also ein riesiger roter Anzug und ein Sicherheitsgurt, der so viele Schnallen, Seile, Karabiner und weitere Verschlüsse hat, dass ich mir vorstelle, wie leicht es passieren kann, dass vergessen wird, etwas zu verschließen.

Der erste Moment, in dem sich mein mentaler Zustand etwas zu beruhigen scheint, ist, als ich meinen „Tandemmaster“ kennenlerne. Für mich ist es schwer vorstellbar, dass dieser ganz besondere Moment für mich sein Beruf und somit Teil seiner alltäglichen Routine ist. Zum Glück lassen mich seine offene Art und seine sarkastischen Bemerkungen etwas ruhiger werden.

Als alle Gurte festgezogen sind, ich an meinen Partner geschnallt und mit Sturmmaske, Haube und Brille bedeckt bin, geht es los. Wir sitzen in einem kleinen Flugzeug mit zwölf Personen, die alle dicht aneinandergereiht sind und dasselbe Schicksal teilen. In der Sekunde, in der das Flugzeug startet, ist meine Angst plötzlich wie weggeblasen. Der Flug über die wunderschöne kleine Stadt Taupo ist einfach nur atemberaubend. Der Anblick über den glitzernden und funkelnden See lässt mich all meine Ängste für kurze Zeit vergessen.
Das Blatt wendet sich jedoch wieder, als sich die Tür des Flugzeugs öffnet. Ich soll als Zweite springen. Beim Anblick meiner Freundin, wie sie als Erste aus dem Flugzeug springt, rast mein Puls. Wir rutschen nach. Meine Möglichkeiten, mich zu wehren, sind so begrenzt, dass ich es gar nicht erst versuche. Mein Herz schlägt schneller als je zuvor. Als wir am Rande des Flugzeugs sitzen und unsere Füße über die winzigen Bäume und Häuser dort unten baumeln, verspüre ich einen Adrenalinschub und bei einem letzten Lächeln für die Kamera, die am Flugzeug platziert ist, springen wir ab.

In der Luft herumrollen bis zur richtigen Position

Die ersten zwei Sekunden sind absolut unbeschreiblich. Das Gefühl der Schwerelosigkeit und des Fallens ist viel präsenter, als ich es mir vorgestellt habe. Die ersten zehn bis fünfzehn Sekunden sind wir im freien Fall. Wir rollen in der Luft herum, bis wir in der richtigen Position in Richtung Erde fallen. Der Luftdruck ist so stark, dass jede Art von Gestikulieren unmöglich ist. Ich versuche, ein halbwegs attraktives Lächeln in Richtung GoPro, die an den Arm meines Sprungpartners montiert ist, hinzukriegen.

Der actionreiche Teil endet mit dem Ruck, indem sich der Fallschirm öffnet. Das Ganze ist allerdings noch lange nicht vorbei. Nun heißt es schweben, fliegen, frei sein. Als mein Tandemmaster mich den Fallschirm lenken lässt, fühle ich mich wie genau dieser Vogel, von dem ich vorhin berichtet habe. Ich fühle mich schwerelos, leicht und unbeschwert. Pure Freude ersetzt jegliches Gefühl der Angst.

Meine Füße baumeln in den Lüften Neuseelands und ich könnte in dieser Situation Stunden verweilen. In diesem Moment kann ich meine Freude kaum fassen. Auf meinem Gesicht befindet sich ein Dauergrinsen und ich vergesse alle Sorgen um mich herum. „Wie ist das eigentlich, wenn man das jeden Tag macht?“, schreie ich meine Begleitung an.

Mein Tandempartner antwortet, dass es für ihn immer etwas Besonderes bleibe, wenn auch auf eine andere Art und Weise. „Es ist wie nach Hause kommen“, ruft er. Und mit diesen Worten gleiten wir nach unten in Richtung Erde.

Mit einer geschmeidigen Landung berühre ich zum ersten Mal wieder den Boden und kann es nicht fassen, dass ich wirklich aus einem Flugzeug gesprungen bin. Das Gefühl der Schwerelosigkeit scheint mir zu dem Zeitpunkt schon wieder so fern, dass ich am liebsten sofort noch mal in das Flugzeug steigen möchte.
Leonie Schulz (19, Waltrop) fliegt für neun Monate nach Neuseeland. In Whenuapai, einem kleinen Vorort von Auckland, der größten Stadt des Landes, wird sie sich als Au-pair um zwei kleine Mädchen kümmern. Außerdem möchte sie die Zeit dort nutzen, um das Land in seiner Vielfalt zu erkunden. Hier berichtet Leonie von ihren Erfahrungen.

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