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Myrta in Indien: Mit der anderen Kultur umgehen

Myrta Konietzka 16. Juni 2017 15:16

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    Mit rhythmischen Trommeln beten Dorfbewohner bei diesem Festival um Regen. Einige fielen dabei sogar in Trance.

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    Myrta (r.) hat in Auroville in Indien eine besonders kreative Aufgabe: Die 23-Jährige aus Herten ist eingebunden in die Produktion von gehäkeltem Spielzeug. Hier bespricht sie gerade mit zwei Kolleginnen ein neues Produkt.

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    Myrta sticht mit ihrer Größe immer aus der Masse hervor.

Indien - Teil 5 Erst vor Kurzem bin ich wieder auf ein paar meiner Seminar-Aufzeichnungen gestoßen. Es ging um das Bewusstsein für seine eigene Kultur, um die Fähigkeit, im Kontakt mit anderen Kulturen ungewohnte Verhaltensweisen zu praktizieren; um das Verständnis, fremden Kulturformen gegenüber und die Kompetenz dabei, in all dem mit emotionalem Stress umzugehen. Ich bin immer noch in Indien und komme bei diesen Themen ins Grübeln.

Ich bin ja der Meinung, dass das alles ein nie endender Prozess ist, an dem immer weiter gearbeitet werden muss. Auch weil Kulturen sich so viel mit der Zeit verändern und am Ende manchmal die Frage bleibt, wo eigentlich der Ursprung ist und welche Einflüsse über die Zeit hinweg etwas genommen, gegeben oder einfach nur verändert haben. Aber was ist eigentlich mit meiner eigenen interkulturellen Kompetenz?

Viele Dinge, die ich aus meiner Kultur mitbringe, wurden mir durch die Zeit hier in Indien erst wieder richtig vor Augen geführt, und ich habe festgestellt, dass ich, um ein Beispiel zu nennen, doch in vielen Situationen ein starkes Bedürfnis nach Struktur und Planung in mir habe. Doch was ist mit meinem Verständnis fremden Kulturformen gegenüber? Ich meine dabei nicht Toleranz und Akzeptanz anderen Verhaltensweisen gegenüber, was für mich außer Frage steht, sondern eher die Tatsache, dass mir gewisse Sichtweisen aus dem Kasten-System oder anderen Religionen doch unglaublich fremd sind.

Vor einiger Zeit habe ich durch meine Arbeit mit den Frauen aus der Näherei von einem Festival bei ihnen im Dorf erfahren. Meine persönliche Neugier auf das Festival, vor allem aber auch die Chance dadurch, meine Kolleginnen zu besuchen, hat mich gemeinsam mit einer Freundin in dieses von unserer Arbeitsstelle ca. 20 Kilometer weit entfernte Dorf gebracht. Das mag sich vielleicht nicht so weit entfernt anhören. Aber ein Großteil der Straßen führt durch Dörfer, die eher weniger gut ausgebaut sind und vom öffentlichen Nahverkehr selten oder gar nicht befahren werden. Aus diesem Grund laufen viele Bewohner diese Strecken eher zu Fuß ab, weil für sie die Rikschas zu teuer werden. Für mich ist das beeindruckend, dass sie diesen Weg zur Arbeit jeden Tag zurücklegen (müssen).

Für Regen beten

Irgendwann erreichten auch wir das Dorf nach Umwegen und viel Fragerei.
Sofort wurden wir mit unglaublicher Aufregung und Freude willkommen geheißen. Im Tempel wurden gerade einige Festival-Rituale abgehalten. Allgemein ging es darum, um Regen zu beten. Einige Dorfbewohner fielen dabei, unterstützt von lauten, rhythmischen Trommeln, in eine Art Trance-Tanz. Nach der Feier haben wir eine Tour durchs Dorf gemacht und wurden dabei von jeder unserer Kolleginnen aus der Näherei herzlich in den Häusern empfangen.

Erst im Nachhinein wurde mir wirklich klar, dass dieser Besuch augenscheinlich eine sehr große Ehre war für diese Menschen, da jegliche Form von Besuch doch eher ungewöhnlich ist für eine solche Dalit-Gemeinschaft, die „Unberührbaren“ im indischen Kasten-System. Wenn ich darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss: In diese Art von System werde ich nie einen echten Zugang finden.

Ein anderer Bereich, in dem meine interkulturellen Kompetenzen immer wieder auf die Probe gestellt werden, ist das Projekt, in dem ich arbeite. Immer wieder kam ich zu dem Punkt, an dem ich mein persönliches Verständnis von Struktur und Planung infrage gestellt habe.

Immerhin ist mir das Arbeitsumfeld durch die Monate, die ich mittlerweile in Auroville verbracht habe, sehr vertraut geworden. Auch wenn die tamilische Sprache nach wie vor für mich ein kleines Hindernis darstellt, so lassen sich trotz allem viele Momente finden, in denen ich mich auf anderer Ebene mit den anderen verständige.

Fürs Spielzeug zuständig

Mittlerweile bin ich fest eingebunden in die Produktion von gehäkeltem Spielzeug. Farben und Produkte bestimmen und festlegen – das fällt dabei unter meinen Aufgabenbereich sowie die Prüfung der Qualität. Im letzteren Bereich hat es mich allerdings einige Zeit und Überwindung gekostet, Fehler oder die Qualität der Produkte zu bemängeln und auf Ausbesserung dieser zu bestehen.

Das liegt daran, dass ich lange Zeit mit der Position gehadert habe, meine Kolleginnen aus der Häkel-Unit zu korrigieren. Mir fiel das nicht leicht. Auf der anderen Seite hat mich diese Aufgabe näher an die selbstständigen Arbeiterinnen gebracht, da ich dadurch sehr viel Zeit mit ihnen verbracht habe. Die daraus gewonnene Erkenntnis ist, dass es bei dieser Aufgabe eigentlich weniger um Bemängelung und Korrektur, sondern sich eher darum dreht, den Menschen in ihrer Arbeit Aufmerksamkeit zu geben und diese zu schätzen, es hervorzuheben, wenn Dinge gut gearbeitet sind und bei Problemen zur Seite zu stehen. Somit werde ich immer mehr zu einem kleinen Teil des Ganzen hier.
Myrta Konietzka (23, Herten) lebt nun ein Jahr in Südindien. In der Stadt Auroville arbeitet sie im Rahmen eines weltwärts-Freiwilligendienstes in einer Nichtregierungsorganisation, die sich mit integrativen Bildungsprogrammen für die Dorfentwicklung vor Ort einsetzt. Bei Scenario berichtet sie von ihrem neuen Leben in Auroville.

 

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