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Anna pilgerte: Alleine auf dem Jakobsweg

Anna Feldmann 28. Mai 2019 10:45

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    Anna irgendwo zwischen Pontevedra und Redondela – traumhafte Aussichten und malerische Orte wechseln sich ab, während die Beine auf dieser hügeligen Strecke ordentlich arbeiten, wie sie selbst zugibt.

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    In der Kathedrale St. Marta erhält Anna einen besonders hübschen Stempel für ihren Pilgerpass.

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    Da geht's lang! Die Muschel ist der Wegweiser und das Erkennungszeichen aller Pilgerer.

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    Glücklich in Porto. Anna genießt den Gang auf die Stadt von der Seite des Duero, auf der die Portweinhersteller sich am Wasser aneinanderreihen.

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    Nach den kleinen abgelegenen Dörfern weiß Anna in Ponteverdra zunächst gar nicht, wo sie zuerst hinmöchte. Die ganze Stadt ist voller authentischer Lokale und heller Plätze.

Den meisten Reiseführern möchte ich hier in aller Deutlichkeit widersprechen. Der Jakobsweg ist nicht (!) für jeden etwas. Ich bin ihn alleine gelaufen.

Ja, jeder kann den Weg schaffen, aber nein, es wird nicht jedem Spaß machen und auch nicht jeden weiterbringen. Man muss kein erfahrener Wanderer sein, die körperliche Belastung habe ich als nicht so hart empfunden, fit und bewegungsfreudig sollte man jedoch schon sein.

Theoretisch ist es egal, wie viele Kilometer pro Tag man zurücklegt, allerdings ist man darauf angewiesen, am Ziel eine Herberge zu finden – diese gibt es etwa alle fünf bis zehn Kilometer. Pro Tag habe ich zwischen 20 und 35 km erlaufen. Ich bin in Turnschuhen gelaufen, das war für mich perfekt.

Immer mit dabei waren in einem (unglücklicherweise zu großen) Backpack ein Hüttenschlafsack, ein Reiseführer, gute Socken, eine Notfallapotheke, Sonnencreme, Kopfbedeckung und Insektenschutz. Außerdem viel zu viele Klamotten, weil ich dachte, man könne nirgends waschen. Irrtum! Die Pilger, die das wussten, haben fünf bis sechs Kilo auf ihrem Rücken getragen, ich trug das doppelte Gewicht mit mir herum
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Der mitgebrachte Hüttenschlafsack jedoch war ein Segen, in vielen Betten hätte ich sonst wirklich nicht liegen wollen… Was ich dazu sagen sollte: Diese öffentlichen Herbergen sind häufig kostenlos, auf Spendenbasis, oder die Betreiber nehmen um die 5 € pro Nacht. Da darf man keinen Luxus erwarten. Wer sich zwischendurch eine erholsamere Nacht und eine saubere Dusche wünscht, der kann für ca. 12 € pro Nacht in ein privates Hostel gehen, die sind meist sauber und gut.

In allen Unterkünften und in vielen Cafés bekommt man einen Stempel für seinen Pilgerpass, der vorher online bestellt werden kann und für die günstige Unterkunft vorgezeigt werden muss.

Zu Hause schmunzelte ich noch beim Blättern durch Hape Kerkelings Erfolgsbuch („Ich bin dann mal weg“) über „seinen“ Jakobsweg, als er schreib, dass auf dem Jakobsweg jeder mindestens einmal heule. Ich war mir sicher zu wissen, worauf ich mich einlasse und dass alles toll sein würde. Weit gefehlt, die Tränen flossen schon am ersten Tag. Da bin ich fast 30 km gelaufen, die einzige Herberge, die ich fand, war noch nicht geöffnet, ich hatte Hunger, die Restaurants waren fast alle zu, in meinem Salat, den ich schließlich bekam, waren Viecher, ich wusste nicht, was ich mit dem Resttag anfangen sollte und alles war gar nicht so rosarot. Das schreibe ich nicht, weil ich davon abraten will, den Weg zu laufen, nur, um auch die Schattenseiten nicht unter den Tisch zu kehren.

Alle Orte aufzuzählen sprengt den Rahmen

Bevor ich losgelaufen bin, habe ich mir zwei Tage in meinem geliebten Porto gegönnt. Wer dort ist, sollte in „The House of Sandeman“ schlafen, einem Hostel, wie ich es vorher und nachher nie erlebt habe. Es ist nicht nur sauber und ordentlich, sondern geradezu wunderschön und das Frühstück liebevoll angerichtet und lecker. Von meinem Startpunkt Porto bin ich am Meer entlang nach Vila do Conde gelaufen.

Leider war es sehr nebelig, sonst wäre die Aussicht sicher toll gewesen. Alle kleinen Orte aufzuzählen würde sehr lange dauern, deshalb nenne ich nur diejenigen, die mir gut gefallen haben: Ziemlich verrückt ist es, zwischen Valença und Tui die Brücke zu überqueren. Auf der einen Seite in Portugal zeigt die Handyuhr 15.20 Uhr, in Spanien plötzlich 16.20. Man hat mal eben das Land und die Zeitzone gewechselt.

Tui ist eine kleine spanische Stadt mit süßen Gassen und vielen Bars und Cafés für nachmittags und abends. In Redondela kann man ans Meer fahren und den Nachmittag entspannt am Strand verbringen. Die Strecke von Redondela nach Pontevedra mochte ich von allen am liebsten. Traumhafte Aussichten, Hügel, Seen und süße Dörfer begleiten einen den ganzen Tag und in Pontevedra ist zur Abwechslung sogar richtig was los! In Caldas de Reis kann man in Schwefelwasser entspannen – wohltuend, aber etwas enttäuschend, wenn man sich isländische Quellen vorgestellt hat.

Santiago, also der Endpunkt des Jakobswegs, selbst? Na ja. An sich wahrscheinlich eine schöne Stadt, leider extrem überlaufen und von Pilger-Souvenirs geprägt. Ich bin nur einen Tag geblieben.
Vieles an meiner Reise hat mir gut gefallen. Ich habe schöne Landschaften gesehen und liebe Menschen kennengelernt. Ich konnte viel für mich alleine sein, die Gedanken schweifen lassen, während der Körper gearbeitet hat. Einsam war ich nicht, denn meistens war ich abends Teil einer interessanten Gesellschaft. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das sagen würde, aber gerade das Laufen war für mich das absolute Highlight. Und das muss man schon mögen, wenn man diese Jakobswegroute nehmen will.
 
Was ich ändern würde, wenn ich noch einmal starten würde:
Was mich sehr gestört hat, war der billige Pilgertourismus in Spanien. Überall (absolut langweilige und eher amerikanische) Pilgermenüs, kein traditionelles Essen, Pilgerschmuck und Kunst ohne Ende und kaum Zugang zur spanischen Kultur. Ich glaube, die Spanier selbst waren auch eher genervt.

Anspruchsvoll, was die Unterkunft angeht, bin ich eigentlich nicht, Bettwanzen und Ekelfaktor sind aber auch nicht so mein Ding. Das war leider keine Seltenheit. Der letzte Aspekt war die Kriminalität in Spanien. Während in Portugal alle Wertsachen offen herumlagen, hörte man in Spanien von zahlreichen Diebstählen und auch einer meiner Bekannten wurden Geld und Schuhe gestohlen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich würde noch einmal laufen, aber nicht in Spanien. Die Strecke von Faro oder Lissabon nach Porto oder ein Weg durch Frankreich sind landschaftlich mindestens genauso schön, dabei aber weniger überlaufen und man kommt vielleicht auch etwas näher an die Kultur des Landes.

Einizer Pluspunkt des überlaufenen Spaniens: auch um 5 Uhr morgen kann man als Frau gefahrenlos loswandern (was man auch teilweise tun sollte, um eine Unterkunft zu bekommen).
 
Meine Route: Porto - Vila do Conde - ich musste dann bis Valença den Bus nehmen, weil mir hintenraus ein Tag gefehlt hat, also bin ich an diesem Tag von Vila do Conde nach Valença und dann bis Tut gelaufen - O Porriño - Redondela - Pontevedra - Caldas de Reis - Padrón - Santiago de Compostela

 
 

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