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Ein einzigartiger Präsident: Schalke 04 trauert um „Diamantenauge“ Günter Siebert (86)

Frank Leszinski, Norbert Neubaum 18. Juni 2017 19:48

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    Bei den Fans genoss Günter Siebert ein hohes Ansehen. Er prägte als Spieler und dreimaliger Präsident die Geschicke des FC Schalke 04.

Gelsenkirchen 31 Präsidenten hatte der FC Schalke 04 in seiner langen Geschichte bis zum Jahr 2010, als diese Position aus der Satzung gestrichen wurde. Keiner von ihnen, nicht mal „Sonnenkönig“ Günter Eichberg, stand so oft in den Schlagzeilen wie der am Freitag im Alter von 86 Jahren in einem Pflegestift in Eckernförde verstorbene Günter („Oskar“) Siebert.

Einzigartig ist der gebürtige Kasselaner in der Vereinshistorie allein schon deshalb, weil er gleich dreimal zwischen 1967 und 1988 das Amt des Präsidenten bekleidete. Doch nicht nur auf der Funktionärsebene schrieb Siebert Geschichte. Er gehörte als Mittelstürmer zur Schalker Meistermannschaft von 1958, die bis heute zum letzten Mal den Titel an den Schalker Markt holte.

Im ersten Anlauf auf Schalke war Siebert noch gescheitert. Zwischen 1951 und 1953 konnte er sich nicht durchsetzen, war frustriert nach Nordhessen zurückgekehrt und grübelte darüber, ob er ein Angebot aus Kanada annehmen solle.

Doch der ehrgeizige Fußballer kehrte zurück zu den Königsblauen. Der Meistertitel war die Krönung einer erfolgreichen Karriere, in der Siebert in der Oberliga West in 118 Spielen 61 Treffer erzielte. Nach dem Ende seiner aktiven Zeit, die er in Gladbeck ausklingen ließ, übernahm er 1967 erstmals den Schalker Vorsitz von Vereinslegende Fritz Szepan.

Als mit 36 Jahren damals jüngster Vereinsboss in der Bundesliga vereinte Siebert einen ausgeprägten Geschäftssinn, der so manche Kritiker auf den Plan rief, mit der Gabe, junge Talente früh zu erkennen und zu Schalke zu locken. Das brachte ihm den Spitznamen „Diamantenauge“ ein.

Dazu gehörte Klaus Fischer, den Siebert dank seiner Beharrlichkeit ins Ruhrgebiet lotste. „Ich habe ihm viel zu verdanken. Er mochte mich, und ich mochte ihn“, sagte Fischer im Gespräch mit dieser Zeitung.
In die erste Amtsperiode von Siebert fielen der DFB-Pokalsieg und die deutsche Vizemeisterschaft 1972, aber auch der Bundesliga-Skandal. Siebert erklärte damals: „Das war das schwärzeste Kapitel in meinem Fußballer-Leben.“

Der umtriebige Funktionär mit visionären Talenten wurde 1975 von Rechtsanwalt Karl-Heinz Hütsch als Vereinschef abgelöst und übernahm für kurze Zeit das Amt des Managers. Von 1978 bis 1979 folgte die zweite Amtszeit von Siebert als Präsident, und dann übernahm er von Februar 1987 bis September 1988 als Nachfolger von Hans-Joachim Fenne ein drittes Mal die Führung des Vereins. Damals drohte den Königsblauen der Sturz ins Amateurlager, sodass der umstrittene Siebert den Weg für einen Neuanfang frei machte.

„Er hatte ein großes Schalker Herz und war ein begnadeter Rhetoriker. Auch in der Politik hätte er seinen Weg gemacht“, glaubt Schalkes Ehrenvorsitzender Gerd Rehberg. Später betrieb Siebert auf Gran Canaria „Oscars Pub“, der zu einer Kult-Stätte für viele Schalke-Fans wurde, weil der Chef persönlich sie am Tresen mit launigen königsblauen Anekdoten versorgte. Siebert, der über sich auch gern mal in der dritten Person sprach, zog die Zuhörer wie in seinen großen Zeiten sofort in den Bann.

Nun hat das Herz einer der schillerndsten Schalker Figuren aufgehört zu schlagen. Aber über Siebert, bis zu seinem Tod Mitglied des Schalker Ehrenpräsidiums, wird man weiter reden. Das wäre auch ganz in seinem Sinne …

Den Spitznamen „Oskar“ bekam Günter Siebert in Anlehnung an die damalige TV-Serie „Oskar, der Familienvater“ – Günter Siebert hatte mit seiner Frau Hanne sieben Kinder. Außerdem wurde „Oskar“ Siebert auch „Forelle“ genannt, weil er vor den Augen seiner Mannschaftskameraden mit der bloßen Hand eine Forelle aus einem Flussbett zog.

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